IT-Sicherheit in der Praxis: Vier Warnsignale, die Sie nicht ignorieren sollten
Gefälschte Stimmen, ein Angriff auf die Lieferkette hinter KI-Tools, Spyware-Warnungen von Apple und Ausfälle bei Threema: Wo die Angriffsfläche von Praxen und Kliniken inzwischen wirklich liegt.
Mit KI-Unterstützung erstellt · redaktionell geprüft und verantwortet von Steven Breuer.

Die Angriffsfläche einer Praxis hat sich verschoben. Sie liegt längst nicht mehr nur im Praxisverwaltungssystem hinter der Firewall, sondern in der Stimme am Telefon, in der Software-Lieferkette hinter den KI-Werkzeugen, auf den Diensthandys und in den Messengern, über die im Bereitschaftsdienst kommuniziert wird. Vier Vorfälle zeigen das exemplarisch – zwei davon mit konkretem Handlungsbedarf, zwei zum Beobachten.
Voice Cloning und Deepfakes: Die Beweisführung wird schwieriger
Eine Rechtsanwältin warnt in einem Interview davor, dass für ein überzeugendes Voice Cloning inzwischen eine 30-Sekunden-Sprachnachricht ausreicht (heise.de). Für Praxen bedeutet das zweierlei: Erstens werden Social-Engineering-Angriffe per Telefon – etwa vermeintliche Anrufe von Vorgesetzten oder Behörden mit der Bitte um Datenweitergabe oder Überweisungen – deutlich glaubwürdiger. Zweitens wird die Beweisführung bei Streitfällen schwieriger, wenn Sprachnachrichten oder Anrufe als "Beleg" herangezogen werden sollen.
Was Sie tun sollten: Etablieren Sie in Ihrem Team eine einfache Regel – ungewöhnliche telefonische Anweisungen (Zahlungen, Datenweitergabe, Zugriffsänderungen) werden grundsätzlich über einen zweiten Kanal verifiziert, bevor gehandelt wird. Das kostet nichts und schützt vor den meisten dieser Angriffe.
LiteLLM-Angriff: Prüfen Sie Ihre KI-Zulieferer
Beim Supply-Chain-Angriff auf LiteLLM im März sind Daten von über 2.500 Unternehmen abgeflossen, wie Sicherheitsforscher bestätigen (heise.de). LiteLLM wird häufig als Middleware eingesetzt, um verschiedene KI-Modelle einheitlich anzubinden – auch in Tools, die im Hintergrund von Praxissoftware oder Dokumentationslösungen laufen können, ohne dass es auf den ersten Blick sichtbar ist.
Was Sie tun sollten: Fragen Sie bei allen KI-gestützten Tools, die Sie in der Praxis einsetzen, aktiv nach, ob und wie LiteLLM oder vergleichbare Middleware genutzt wird. Falls ja: Klären Sie mit dem Anbieter, ob Ihre Daten betroffen sein könnten, und dokumentieren Sie die Antwort für Ihre Datenschutzakte. Das ist kein einmaliger Vorgang, sondern gehört künftig zur Standard-Due-Diligence bei jedem neuen KI-Tool.
Apple-Spyware-Warnung: Gerätesicherheit im Praxisalltag prüfen
Apple hat Nutzer in 110 Ländern vor sogenannter Mercenary-Spyware gewarnt, die typischerweise gezielt gegen einzelne Personen eingesetzt wird, oft im Auftrag staatlicher Akteure (heise.de). Für die meisten Praxen ist das kein akutes Bedrohungsszenario – relevant wird es vor allem, wenn Sie mit sensiblen Fällen (z. B. Personen des öffentlichen Lebens, Gefährdungslagen) zu tun haben oder wenn Praxis-iPhones und iPads Zugriff auf Patientendaten haben.
Was Sie tun sollten: Nehmen Sie das zum Anlass für eine routinemäßige Kontrolle: Sind alle Geräte mit Zugriff auf Praxissoftware auf dem aktuellen iOS-Stand? Ist der Lockdown-Modus für besonders exponierte Geräte eine Option? Eine akute Reaktion ist nicht nötig, aber eine dokumentierte Prüfung schadet nicht.
Threema-Ausfälle: Redundanz für sichere Kommunikation einplanen
Der in vielen Praxen und Kliniken genutzte sichere Messenger Threema war mehrfach stundenlang durch DDoS-Angriffe auf einen Dienstleister nicht erreichbar (heise.de). Wenn Threema Teil Ihres Kommunikationswegs für dringende Anliegen ist – etwa zwischen Praxis und Kollegen im Bereitschaftsdienst – kann ein Ausfall im Ernstfall problematisch werden.
Was Sie tun sollten: Definieren Sie einen dokumentierten Ausweichkanal für den Fall, dass Ihr primärer sicherer Messenger ausfällt. Das muss kein zweites System im Dauerbetrieb sein, aber ein klar kommunizierter Notfallplan sollte im Team bekannt sein.
Fazit: Kein Grund zur Panik, aber zur Routine
Keiner dieser vier Punkte erfordert sofortiges Handeln im Sinne einer Notfallmaßnahme. Zusammen zeigen sie aber ein Muster: KI-gestützte Angriffsmethoden wie Voice Cloning, die Infrastruktur hinter den KI-Tools und die Kommunikationskanäle, auf die Praxen sich im Ernstfall verlassen, sind sämtlich potenzielle Schwachstellen – und keine davon liegt dort, wo IT-Sicherheit in der Praxis traditionell verortet wird.
Nehmen Sie sich eine Stunde Zeit, um die vier Punkte mit Ihrem Team durchzugehen. Das ist der pragmatischste Weg, aus einer diffusen Bedrohungslage konkrete Routine zu machen.